Blogumne – 00006 let’s tweak

eigentlich war ich voller naiver vorfreude ans tweakfest gefahren. endlich ein spannendes schweizer medienkunst festival, hatte ich gehofft. aber leider habe ich der schweiz mal wieder zuviel zugetraut. ich weiss, ich übertreibe. aber mir ist es in solchen momenten immer enorm peinlich ein schweizer zu sein. bin ich der einzige dem es so ergeht? was haben wir bloss für einen komischen filmriss hier in unserem land? alles so kleinklein. so wohlstandsverwöhnt. so besserwisserisch. so kantönligeistig. und das letztere ist im vorliegenden kontext speziell erstaunlich.

sogar bruce sterling hatte es irgendwie geschafft “schweizerisch” zu tönen am tweakfest. er zeichnete ein grimmiges, paranoides bild der internetkriminalität, 15 jahre nach seinem buch “the hacker crackdown”. so weit so gut. aber vor seinem beitrag hatte er versprochen, dass es “lively” werden würde. lebendig? angeregt? wurde es nicht. scharf, witzig, laut – schon. aber auf ungewöhnliche weise gedämpft. “the swiss don’t seem to get irony” hörte ich einen leicht irritierten bruce später sagen. er braucht ein angeregtes publikum um sich in fahrt zu reden. die bauchpinsel session auf die schweiz am ende seiner rede war dann aber nicht mehr zu entschuldigen. der hauptgrund warum ich ans tweakfest gepilgert bin, war also bereits enttäuschend. bruce sterling infisziert von schweizerischer kleingeistigkeit? irgendwie undenkbar.

es hat eindeutig zuviele krawatten im saal, raunte franziska mir zu. es war der erste von zwei tagen. sie war vor kaum 5 minuten angekommen. ich gebe zu, solche berührungsängste mit krawattenträgern sind oberflächlich. und obschon ich auch unter solchen vorurteilen leide, nahm es mich doch wunder: konnte sie wirklich gelingen, diese annäherung von kunst und wirtschaft, die sich tweakfest zum ziel gesetzt hatte? im rückblick muss ich leider sagen, das festival hat gar nichts angenähert. sondern sich bloss in zwei teile gespalten; einen teil den man sich getrost hätte schenken können, einen zweiten der zumindest mild anregend war. für ein festival mit solcher zielsetzung ist es schlicht nicht gut genug, wenn bloss der microsoft schweiz knorrli eingeladen wird – dieser muss auch etwas relevantes zu sagen haben. oder anders gesagt, statt unmoderiert irgendwelche wirtschaftsheinis zusammenzuwürflen, müsste ein solches festival es sich zur aufgabe machen, diejenigen herauspicken, die auch fähig sind sich selbst einen schritt aus ihrer marketingwelt herauszunehmen und auf der metaebene über kreativwirtschaft (ist das wirklich ein wort?) und medienkunst zu reflektieren.

“wie kann ein solcher müll von sitemapping unterstützt werden? und an einer staatlich unterstützten bildungsstätte abgehalten werden? sowas gehört auf’s messegelände!”, regte sich jemand am ersten tag auf. stimmt genau. “nicht mal das w-lan funzt”, ein zweiter. ich regte mich auf, dass bereits in der ersten runde der grossraum zurich (the good news: “downtown switzerland” sagt man glücklicherweise nicht mehr) vom bodensee bis nach genf ausgeweitet wurde. swiss creative industries wurde ungefragt zum synonym für grossraum zürich creative industries. ach komm, zürich, seit doch einfach die besten, statt all diese zeit und energie darauf zu verschwenden immer wieder zu betonen, dass ihr es seit.

aber nochmal von vorne. die viper ist geschichte und das tweakfest sollte besser gar keine kriegen. warum schafft die schweiz es nicht sich ein relevantes medienkunst gefäss aufzubauen?

die schweiz ist überbeflissen. in unserem land erteilt sich eine hochschule der künste selbst den auftrag die lehrgänge wirtschaftsnäher anzusiedeln, um so einem möglichen budget abbau vorzubeugen. dem tweakfest bleibt nichts anderes übrig als sich auch möglichst wirtschaftsfreundlich zu geben. dabei hätte ein blick ins ausland den organisatoren zeigen können, dass modelle, die im rahmen eines festivals die wirtschaft und die kunst zusammenbringen wollen, von vornherein zum scheitern verurteilt sind. und zwar nicht nur weil die beiden szenen eine verschiedene sprache sprechen, sondern primär weil die wirtschaft sehr schnell merkt, dass ihr eine solche übung nichts bringt. die haben bereits genügend ähnliche gefässe mit viel mehr prestige potential.

die schweiz hat keine streit- und debatierkultur. wussten wir bereits vorher. und doch überrascht es jedesmal von neuem. hier werden während den vorträgen und podiumsgesprächen noch und noch neoliberale, sozialdarwinistische parolen ausgespuckt und im publikum zucken all bloss mit den schultern. die redner streuen microsoft logos in ihre powerpoints präsentationen und keiner im saal buht. und wenn endlich, fast, eine spannende diskussion zustande kommt betritt bestimmt der moderator die bühne, klopft aufs zifferblatt und erstickt sie im keime. wir haben doch keine zeit zum diskutieren hier.

die schweiz ist peinlich. immer wieder verliert sie sich in regionalen grabenkämpfen und profilierungsspielchen. das tweakfest war so ein schnellschuss, dass man perfiderweise die vermutung nicht abschütteln kann, dass sich zürich damit primär die viper nachfolge sichern will.

oder: die stadt mit einer profilierungsneurose bastelt sich ein festival mit einem positionierungsproblem.

mit einem saloppen “let’s tweak”, hatte elmar ledergerber seine eröffnungsrede (die er übrigens mit einem “uff, es hat ein paar leute” angefangen hatte) beendet. und eigentlich wäre dies mal ein guter vorschlag gewesen. die langstrasse, und damit die hells’ angels, waren bloss ein paar schritte entfernt und da hätte man sicher in anständiger qualität amphetamin gefunden. tweaking heisst im amerikanischen (unter anderem) speed konsumieren. wäre mit etwas crystal meth das tweakfest erträglicher geworden? wohl kaum, denn so wie ich diese droge kenne, wäre es sogar eher noch langweiliger geworden. um es erträglich zu machen hätte elmar vielmehr “let’s chase the dragon” empfehlen sollen.

ps: der beste teil, was auf dem programm als “networking” bezeichnet wurde. basteln wir doch mal ein festival, wo es nur ums “networking” geht. nickerchen nehmen kann ich auch zuhause.

About Jan Zuppinger

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