Blogumne – 00008 wer hat grössten (aggrogator)?

oh nein, was haben “wir” da bloss losgetreten? wie es scheint ist die schweizer bloggerszene aus ihrem dornröschenschlaf aufgewacht. die ganzen top-100 listen und aggregatoren gärtchen-kämpfe zeigen auf, dass die schweizer blogger szene kompetitiv geworden ist. und ich sage “wir”, weil ich mich als mitorganisator des swiss blog awards frage, ob auch unser projekt zu dieser entwicklung beigetragen hat.

schade. das medium, welches eigentlich zu einer demokratisierung des informationsflusses hätte führen können (und sollen), kürt jetzt wieder könige und baut sich zentralorgane auf. ein weiteres mal stelle ich bedauernd fest, dass die hackordnung offensichtlich nie fehlen darf. ich hab diese ganze entwicklung schon einmal miterlebt und zwar als DJ. was mich anfangs der 90er jahre dazu motiviert hatte DJ zu werden, war genau die distanzierung vom starkult gewesen – weg mit den fetten rockstars, den dancefloor zum star küren, die tanzenden leute machen die party aus, nicht der DJ. die weitere entwicklung ist bekannt, schnell gab es star-DJs und das ganze wurde langweilig.

blogs waren anfangs wieder so ein erfrischender gegenpol. jeder konnte, jeder durfte in alter DIY manier einfach drauflosschreiben und eigentlich war es scheissegal, ob irgend jemand mich liest (ich lese zum beispiel nachwievor bewusst fast nie meine sitestats). die resultierende euphorie war gross. aber leider überlebte der traum vom egalitären medium nicht lange. international (seit einiger zeit) und auch national (relativ neu) wurde wieder an einer rangordnung rumgebastelt. und siehe da, plötzlich hächeln alle um die position des alpha-bloggers. who da top-dawg? (das schlimmste ist jeweils, wenn ich mich selber dabei ertappe… soooo peinlich).

dabei sollten die internationalen top-dawgs von boingboing.net als abschreckendes beispiel doch eigentlich genügen. seit boingboing als DER top-blog schlechthin gilt sind die publikationskriterien des gruppenblogs aus kalifornien zunehmend fragwürdiger und vorallem untransparenter geworden. während projekte aus ihrem freundes- und kollegenkreis und sogar aus ihrem familiären umfeld stark gepusht werden, scheinen die boingboings ansonsten nur noch an exklusivität interessiert zu sein. ob sie eine spannende geschichte als erste bringen können ist entscheidend und nicht mehr die relevanz des themas. kennen wir doch von irgendwo…

aber konkret jetzt, wie läuft diese entwicklung in der schweiz ab? ich habe anfangs die top-100 liste und das gerangel um blog.ch erwähnt. ich mag eigentlich die macher beider dieser sites gar nicht angreifen. ihre absichten sind glaube ich in ordnung. und natürlich kann man sich fragen, was zuerst kam: diese listen oder das bedürfnis der leute nach hirearchien?

und doch, die auswirkungen gerade der top-100 liste ist spürbar, das klima in der schweizer blogosphäre hat sich deutlich verändert seit ihrer publikation. als chregu von freeflux/bitflux mit seiner top-100 liste rauskam war das glaubs eher so eine furzidee, mal was machen, coden, w00t und raus damit. eigentlich geil. das einzige was man ihm dabei vorwerfen kann ist, dass er damit ein wenig dem syndrom des unbedachten forschers verfallen ist. techniker überlegen sich bekanntlich die sozialen und kulturellen auswirkungen ihrer erfindungen manchmal etwas zuwenig. sie interessiert die machbarkeit. das verstehe ich gut, und eigentlich stimmt es schon: was die leute aus der erfindung machen ist nicht ihre schuld.

und trotzdem… die top-100 liste beruht auf quantitative faktoren, und quantitative parameter sagen nicht zwingend etwas über qualität aus. wieviele links von technorati auf einen bestimmten blog zielen, sagt mehr über das soziale netzwerk des autoren als über seine fähigkeiten als blogger aus. und trotzdem schleift sich eine solche liste schnell ein. und sie trägt dazu bei die hackordnung innerhalb der szene zu etablieren. kein wunder also, dass es sofort blogger gibt, die versuchen werden diese liste zu manipulieren… (oder die schmollen, wenn sie aus den top-20 fallen, shame on me!)

bei blog.ch liegt der fall natürlich komplett anders. matthias macht ja keine wertung, sondern listet ungefiltert die neusten posts (fast) aller schweizer blogs. und trotzdem kann es nicht erstaunen, dass sich jetzt andere leute solche aggregatoren aufgebaut haben. hier geht es um das thema macht. blog.ch hat sich zum zentralorgan der schweizer blogger szene hochgearbeitet (manche sprechen sogar von einem monopol) und sich die legitimation dazu selber gegeben. soweit kein grosses problem, jeder blogger, so auch ich, gibt sich schliesslich selbst die legitimation einen blog zu führen, und gerade in meinem fall ist dies ja äusserst fragwürdig.

und doch darf man sich fragen, warum matthias die zügel seines projektes so eng führt? sollte er sich nicht breiter abstützen, andere leute mitarbeiten/mitentscheiden lassen, und was soll das ganze copyright zeugs? da kommt schon ein starker kontrolletti vibe daher. ein weiteres problem sind die aufnahme kriterien, die nicht wirklich transparent kommuniziert werden. es ist nirgends ersichtlich (oder jedenfalls habe ich es nicht gefunden), warum matthias gewisse blogs aufnimmt und andere nicht. ein durchaus vertretbarer standpunkt könnte ja sein, dass ein aggregator ungefragt alle blogs auflisten sollte. matthias sollte also zumindest seine kriterien transparent machen. wenn er jetzt andere der klauerei anschuldigt, dann finde ich das eigentlich relativ absurd. da wäre es doch sinnvoller sich die darin enthaltene kritik zu herzen zu nehmen. man kann nicht zuerst alles an sich reissen und sich dann wundern, wenn andere leute irgendwann reagieren.

wir sehen also machtkämpfe und ein gedränge um die obersten plätze irgendwelcher listen. dabei sind die grossen und wirklich wichtigen herausforderungen, welche die blogs jetzt dringend angehen müssten, wie man die immense informationsflut filtert und dadurch sicherstellt, dass wichtige informationen weiterhin gut zirkulieren. hirearchien und machtkonzentrationen, wie wir sie momentan entstehen sehen, führen bekanntlich nicht zu einer besseren verteilung, sondern zu einer zentralisation. statt ausufernden aggregations-listen brauchen wir nach klugen kriterien und mittels demokratischer strukturen editierte “frontpages”, welche wichtige beiträge aus der flut der blogs herausheben. und statt eine pyramide der macht entstehen zu lassen, sollten wir die bildung von clustern von gleichgesinnten blogs fördern.

und noch etwas: es ist doch wie schon damals im sandkasten. ein weiteres mal! die jungs balgen sich um den besten platz und die besten schäufelchen, während die mädels sich nobel zurückhalten. gerade in der schweiz ist dies speziell absurd, weil hier bekannterweise die wirkliche pionierarbeit in sachen aggregation von stephanie booth, einer frau, geleistet worden ist. ebenso bezeichnend ist deshalb, dass sie edit: swissblogs.com vor ein paar monaten an matthias gutfeldt abgegeben hat.

darum hier mein vorschlag: alle blog mackers der schweiz, alle wanna-be-top-dawgs, sollen sich nächsten mittwoch beim sandkasten im wäldchen treffen und dann schauen wir doch mal in echt, wer denn jetzt den grössten hat. und ich schlage dies nicht nur vor, weil ich dann eh gewinnen würde…

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