Blogumne – 00010 warum hab ich im winter nie lust auf pizza?

seit tagen (wochen?) ist es verdammt kalt in bern. ich weiss, nicht nur hier. aber hier lebe ich nun mal. und bereits habe ich mich verrennt. item. am liebsten möchte man abends zuhause bleiben, sich unter eine decke kuscheln und tee trinken, dazu etwas glotzen oder gamen oder ein sudoku lösen, so kalt ist es draussen. am donnerstag müssen wir trotzdem raus. zum captain slam im cafe kairo. zu meiner schande muss ich gestehen, dass ich noch nie an einem poetry slam war. ich wollte schon fünfzehntausend mal gehen, ich schwör’s, war dann immer zu müde oder es gab fussball oder irgendwas. diesen donnerstag muss es einfach sein. heute ist der letzte captain slam im cafe kairo, welches kürzlich von einer zeitung in sankt gallen als das “mekka der slammer szene” bezeichnet worden ist. und elsa fitzgerald tritt auf. die kenn ich. die schreibt sensationell. für mich ist sie die wahre literarische hoffnung der schweiz. nicht der kutti/jürg halter. und ich muss jetzt endlich mal sehen wie die performt.

wir stapfen also los, es ist zum glück nicht weit bis ins kairo. auf dem weg kommen wir an zwei pizzerias vorbei, die uns im sommer manchmal unseren pizza bedarf abdecken. und plötzlich ist sie formuliert, die frage, warum eigentlich nur im sommer, warum habe ich im winter nie lust auf pizza? nicht so wichtig, aber die zeit bis ins kairo vergeht schnell während wir diese frage diskutieren. darum gings, um ablenkung von der kälte.

im cafe kairo im keller schauen wir uns um. es hat junge, alte, es hat einen mit kravatte, und ein paar andere die sind sogar älter als ich. ein erstaunlich heterogenes publikum. wir kennen beide niemanden. dann bemerke ich den rauch. holy crap. seit monaten, (jahren?) war ich nie mehr im ausgang. und jetzt fährt er mir so richtig ein, der rauch im mekka der slammer. das sonst so erfrischend heterogene publikum zündet sich auf sehr homogene weise eine kippe an der vorherigen an. der raum füllt sich mit kettenrauchenden leuten. es wird eng, wir verziehen uns in eine ecke bei der garderobe. ja, es hat eine garderobe. es stinkt immer mehr, unsere kleider, wie auch die an der garderobe, werden fast spürbar mit rauchgestank imprägniert. hat es möglicherweise darum oben im selben haus gleich einen waschsalon? das thema rauch beschäftigt uns bis der der slam fast pünktlich anfängt.

während dem vierten oder fünften performer nimmt ein depp hinten auf der treppe sein mobiltelephon ab. er dreht sich zwar ab, redet aber trotzdem so laut und gegen eine schallreflektierende wand, dass es alle im umkreis von fünf metern stört. lange zeit sagt niemand etwas, alle verwerfen bloss ihre augen – was den deppen am telefon reichlich wenig kratzt, weil er schaut ja in die andere richtung. seine begleiterin lächelt verlegen. ich suche ihren blick und möchte ihr per zeichensprache bedeuten, sie solle ihm eins hauen. im witz. okay, eher im halb-witz. sie weicht meinem blick erfolgreich aus. endlich opfert sich einer auf und ist jetzt der depp der dem deppen am telefon etwas zu sagen wagt. dieser wird sofort noch lauter; seine passiv-aggressivität hat sich innert sekunde in aggressivität gewandelt. so schnell geht das in unserem kulturraum. mit ziemlich überzeugendem pathos sagt er nun ins telefon, du, ich muss jetzt aufhören, die wollen hier nicht, dass ich mit dir rede. falsch, wir wollen überhaupt nicht, dass du redest. der slammer auf der bühne schwafelt etwas von auf LSD bäume ficken. das telefongespräch dauert dann doch noch gute zwei minuten. der vorne vermasselt seine pointe.

nach der pause steht plötzlich ein riese vor mir. der wippt dauernd so rum und hat eindeutig eine andere auffassung von “personal space” als ich (wie sagt man dem auf deutsch? privatspähre?). zwei mal steht er mir auf die füsse. ich weiche nach hinten aus, bin rasch gegen die garderobe gequetscht. und der wippende riese kommt immer noch näher. auf meine diskreten knuffe scheint er lustvoll zu reagieren. ist das jetzt frottage? als er mir schliesslich auch noch seinen langen hals – sein kopf liegt weiter oben und ich bin immer hin 1.90 gross – in den blickwinkel streckt, versuche ich mich möglichst elegant an ihm vorbeizwängen. das geht aber leider nicht so elegant wie geplant und er ist jetzt glaubs beleidigt. jedenfalls wiehert er mir von nun an so laut ins rechte ohr, dass ich endgültig den standort wechseln muss. beim ausgang hat es noch ein bisschen platz und, ohhh, auch ein bisschen frische luft.

und eigentlich der slam? viele der auftretenden verwechseln glaubs poetry slam mit comedy. ich bin natürlich alles andere als ein experte, schreibe ja hier fast prinzipiell nur über zeugs von dem ich keine ahnung habe. das einzige was mich irgendwie qualifiziert ist, dass ich seit 1998 den film “slam” auf meiner all-time-favorite-movie liste in meinen top 5 führe. und trotzdem scheint mir, dass es bei den amis bei poetry slams mehr um authentizität geht, um freie assoziation, um etwas was sie “stream of conciousness” nennen, aber auch um “vulnerability”, was übersetzt schrecklich tönt, verletzbarkeit. hat sich der deutschsprachige raum mal wieder eine übliche kopflastige neuauslegung gebastelt? jedenfalls hier in bern ist mir vieles zu vorbereitet, zu clever, und dadurch zu unecht; zu sehr auf pointe aus, auf lacher. elsa fitzgerald ist super. manchmal wispert sie fast wie jane birkin, und patty smith könnte sie noch ein bisschen mehr vom zügel lassen. beat sterchi, der star der szene, hat sich rar gemacht und ist nicht erschienen. susi stühlinger ist sehr spät angekommen. es ist ein weiter weg von schaffhausen bis nach mekka, aber wir sind froh, dass sie ihn nicht gescheut hat, denn sie macht es sehr gut. der moderator lacht etwas zu laut über seine eigenen witze, die an sich gar nicht übel wären. der mann mit der kravatte ist der götti einer der slammerinnen, von welcher sag ich mal nicht, sonst werd ich wieder als scheissjourni beschimpft. den slam gewinnt übrigens der captain, der veranstalter pauli, der das (sinkende) schiff (zuerst) verlässt.

und ich hör jetzt mal ohne pointe auf, servus. ach ja, meine kleider stinken immer noch nach rauch. die frage der pizzas bleibt leider ungeklärt.

About Jan Zuppinger

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