Blogumne – 00025 la suisse ne fonctionne pas

anlässlich der weltausstellung 1992 in sevilla hat der schweizer künstler ben den satz “la suisse n’existe pas” geprägt. dieser satz bringt es immer noch auf den punkt. immer wieder muss und darf man sich fragen, existiert sie überhaupt, die schweiz? gibt es eine schweiz? oder gibt es mehrere? oder sind es gar unvereinbare dinge, die wir aus purer gewohnheit als schweiz bezeichnen? oder anders gefragt: welches sind in unserem land die verbindenden kulturellen elemente? in anderen ländern verbindet die sprache, wir haben vier davon. sprachlich abgegrenzte landesteile führen zu numerisch bedingten kräfteverhältnissen. numerische minderheit kombiniert mit sprachlich-kulturell geprägten unterschieden führt immer wieder zu tiefgreifenden interessenskonflikten zwischen den landesteilen. die schweizer grenzen umschliessen ein unlogisches, fast willkürliches gebilde. wir leben in einem komplizierten land.

gehen wir mal davon aus sie exisitiere, was sie zumindest auf dem papier und auf der landkarte ja auch tut, dann ist die etwas banalere frage, ob die schweiz denn funktioniert. und diese letzten zwei wochen bin ich da ziemlich pessimistisch geworden. “la suisse ne fonctionne pas”.

bisher hielt ich mich aus dem ganzen puff raus. in abstimmungen etwa lag meine persönliche politische einstellung meist sogar der meinung in den anderssprachigen landesteilen näher. auch meine kulturelle lebenshaltung liegt näher bei derjenigen der romandie als etwa bei derjenigen von ostschweizern oder obergomsern. am tv schaue ich mir die TSR ziemlich oft, SF aber möglichst nie an. dabei idealisere ich die anderssprachigen landesteile keinesfalls, denn mir ist sehr wohl bewusst, dass auch sie sich heterogen gestalten. selbst in der romandie stimmt ein gewisser prozentsatz in den europa-fragen jeweils “falsch” ab. ich ging darum bisher in meinem leben von einem viel individualisierteren modell aus, bei dem mich die meinungen der einzelnen leuten, mit denen ich konkret zu tun hatte, viel stärker interessierte als ihre herkunft und allfällige durch diese herkunft geprägte haltungen. diese letzteren beobachtungen und überlegungen interessierten mich auf einer metaebene, aus soziologischer sicht; ein spannendes feld, aber für mich, in meinem leben, vollkommen irrelevant.

in meinem leben existierte somit bisher kein röstigraben. doch plötzlich, diese letzten paar wochen, hat er sich vor mir aufgerissen, und, staune, er ist abgrundtief. und grottenhässlich. unglaublich, was da im zusammenhang mit den nominationen der swiss blog awards an blankem hass und minderwertigkeitskomplexen an uns herangetragen worden ist. und dies ausgerechnet von bloggern; blogger, die doch sonst so selbständig und eigenverantwortlich handeln. blogger, die sich immerhin selber den auftrag erteilen sich zu publizieren; und zwar unter anderem um dadurch mit anderen bloggern, auch anderssprachigen bloggern, in einen diskurs zu treten. was gibt es individualisierteres? und genau diese blogger schreien nun plötzlich nach einer quotenregelung? für mich unverständlich. denn quoten sind immer auch normierungen und als solche wiedersprechen sie dem phänomen blog. blogs leben von ihrer heterogenität und alle anstrengungen sie zu normieren zielen in die falsche richtung.

versteht mich nicht falsch, in gewissen fällen machen quoten sinn, absolut. ich würde nie eine sozialdarwinistische haltung predigen, und doch dürfen wir nicht vergessen, dass quotenregelungen immer auch eine institutionaliserung von kräfteverhältnissen bedeuten. absurderweise werden durch quotenregelungen die ungerechtigkeiten gleichzeitig entschärft wie vertieft, indem sie gesetzlich verankert werden. quotenregelungen enthalten immer auch eine resignation und sollten darum die letzte lösung sein, und erst dann bemüht werden, wenn sich ein problem einer minderheit wirklich nicht anders lösen lässt.

sind wir in der schweizer bloggerszene im hinblick auf eine schweizweite blogauszeichnung wirklich bereits an diesem punkt angelangt? haben wir bereits alles versucht, dieses problem auf andere weise in den griff zu kriegen? und vorallem, sollten sich nicht gerade blogs und die bloggerszene über regionale und kulturelle differenzen stellen?

ich hatte lange eine sehr idealistisches und im rückblick fast schon naives bild des bloggens. ich dachte immer, dass durch die kollektive subjektive sicht eine art objektivität entstehen kann. ich dachte, die wahrheit … nein, ein zu verpöntes wort … was sache ist kann sich herauskristalisieren, wenn sich die individuellen meinungen aneinander reiben. dabei habe ich ganz klar nicht mit den narzisstischen tendenzen und dem geltungsbedürfnis einzelner blogger gerechnet.

durch die ereignisse dieser letzten zeit hat sich meine idealistische sichtweise weiter relativiert. die erkenntnis, dass sich die bloggerszene bereits wieder auf die ebene von regionalen gartenkämpfen heruntergelassen hat, stimmt mich pessimistisch und verwirrt mich. wir haben die swiss blog award immer mit einem riesigen schuss ironie und humor definert. das wichtigste sollte nicht sein wer gewinnt, sondern dass wir als blogger zusammenkommen und uns unsere rituale erschaffen. aber offenbar wird es schnell tierisch ernst, sobald ranglisten erstellt werden. ich schlage dshalb für nächstes jahr vor, dass wir den zufall entscheiden lassen, wer der beste schweizer blog ist. ein bot sucht uns nach einem geheimen und möglichst absurden algorythmus die nominierten heraus. und am abend entscheidet das tombolarad wer gewinnt. dann lachen wir laut und herzlich und wenden uns der party und dem networking zu, und diskutieren die spannenden themen, die gerade anstehen in der blogodingsbum. (yup, blogospähre ist neu das b-wort)

nach den kürzlichen ereignissen wende ich mich jedenfalls jetzt gerne wieder dem oft zitierten “langen schwanz” zu. nein, ich meine damit nichts unanständiges; the long tail ist die theorie die besagt, dass die summe der wenigen high performers der summe der vielen low performers nie das wasser reichen kann. viele kurze schwänze sind immer noch länger als wenige lange. so. doch noch unanständig geworden, aber ist doch wahr, dog …

disclaimer: als ob dies nötig wäre betone ich gerne doch noch, dass dies meine persönliche meinung ist, die nichts mit derjenigen des OK des sbaw zu tun hat.

About Jan Zuppinger

Jan Zuppinger has been writing this blog since 2002. He likes to grow vegetables. He likes to eat them too. He has opinions on everything, but sadly no one cares. Jan Zuppinger is not joking, just joking, he is joking, just joking, he's not joking. *click.