Blogumne 00030 – die welt zu gast bei feinden

als praktizierender linker versuche ich mich vom fremdenhass jeglicher schattierung zu distanzieren. aber eigentlich tönt es so viel zu negativ und pfichtbetont. freiwillig und gerne bin ich anderen kulturen gegenüber offen eingestellt, nicht zuletzt weil die auseinandersetzung mit diesen kulturen mein leben bereichert, und zwar täglich. nur schweizerisches und nur deutsches wäre mir schlicht und ergreifend zu öde. im tv schaue ich mir primär sender in anderen sprachen oder aus anderen ländern an. auf dem internet lümmle ich hauptsächlich auf anderssprachigen websites rum. die kulturellen unterscheidungen verflachen dank diesen medien, und dass ist gut so.

doch beim fussball hört meine kulturelle offenheit plötzlich auf. im fussball, und zwar speziell während einer WM, kommen ganz andere gefühle in mir hoch; leidenschaftliche gefühle wie hass, die mich manchmal fast erschrecken, die zu unterdrücken ich aber nicht im stande bin. eigenartigerweise ist es dabei primär ein land, auf welches sich meine ganze abneignung richtet.

okay, ich habe jetzt lange genug um den heissen brei herumgeredet. ich gebe es zu, (auch) ich hasse die deutschen …uhm… fussballspieler, sorry jens blogwiese, aber es lässt sich einfach nicht wegdiskutieren. an dieser WM ist für mich, jetzt mal rein fussballerisch gesehen, die welt zu gast bei feinden.

deutsche fussballspieler, den deutschen fussball an sich, den ganzen zirkus darum herum, all dies hasse ich, verstehe es selber nicht so ganz, mit einer leidenschaft, die mich selber manchmal erschreckt. sogar das wort hass passt, und an sich möchte ich natürlich, dass der hass nicht zu meinem emotionalen repertoire gehört. mein ganzer medienkonsum ändert sich schlagartig. sogar raab, den ich mir zwar eh nur noch selten ankucke, wird plötzlich unaushaltbar. erst wenn die deutschen dann im achtelfinal ausscheiden werden, kann ich wieder auf die deutschen kanäle zappen. nachdem sie verloren haben, sind sie herrlich, die deutschen medien. da kauf ich mir sogar die bild zeitung am nächsten tag, um mir die parade der begossenen pudel reinzuziehen.

klar, die deutschen spielen unattraktiven fussball – hauruck, hart, kampfbetont, mechanisch. und klar, sie gewinnen immer alles. naja, eigentlich schon lange nicht mehr. klar, sie haben immer ein riesenglück – ich mein, wer sonst kann dank viertelfinal gegen die USA und halbfinal gegen südkorea in einen WM-final vorstossen? okay, die franzosen 1998. wer sonst in der 92. ein tor gegen polen reinmurksen? okay, die schweden. wer sonst immer die leichtesten vorrundengruppen ziehen? okay, die italiener. wer sonst dank einer schwalbe weltmeister werden? ha! endlich ein grund. aber naja, all diese argumente rechtfertigt natürlich noch keinen hass. hmm.

als gedankliches experiment stelle ich mir gerade vor die deutschen spielten wie die brasilianer fussball. könnte ich sie dann lieben? ich bezweifle es.

anfangs habe ich geschrieben ich distanziere mich vom fremdenhass jeglicher schattierung. das war falsch ausgedrückt, denn ich verstehe es viel prozesshafter. fremdenhass besteht als potential auch in mir und ihn nicht auszuleben gelingt nur durch anstrengung und aktive reflektion. das fremdenfeindliche potential muss immer wieder erkannt und prozesshaft verarbeitet werden. menschen, die dieses potential in sich verneinen, sind sehr gefährlich; fast so gefährlich wie die neonazis und skinheads, die voll darauf abfahren. wer dieses potential in sich verneint lebt mit einer zeitbombe, weil es sich jederzeit und in den unpassendsten momenten manifestieren kann. als erkanntes potential ist fremdenhass auch gar kein problem, die gedanken sind frei und verletzen niemanden. bei fremdenfeindlichen taten hört allerdings alles auf, solche sind unakzeptabel.

leider müssen wir seit einigen jahren in der schweiz erleben, wie fremdenfeindlichkeit wieder salonfähig geworden ist. für mich hat dieses phänomen mit einer unabgeschlossenen verarbeitung des potentiales zu tun. zu schnell und zu oberflächlich wurden fremdenfeinliche regungen verboten. dadurch wurden sie jedoch bloss tabusiert, der verarbeitungsprozess, mit dem ziel sie tatsächlich abzulegen, wurde übersprungen. und jetzt wirkt es absurderweise für viele schweizer befreiend wieder zu diesen unterdrückten gefühlen stehen zu dürfen.

die frage ist berechtigt, habe auch ich meinen fremdenhass nicht sauber verarbeitet, wenn im fussball plötzlich solche hassgefühle in mir hochkommen? vielleicht. aber vielleicht ist fussball auch der passende ort, um solche gefühle auf spielerische weise in einem klar abgesteckten rahmen auszuleben. und vielleicht sind die deutschen ein gutgewähltes opfer, denn sie sind ja auch nicht gerade zimperlich im austeilen, und scheinen vor selbstvertrauen nur so zu strotzen.

die WM als toleranzschulung? in dem sinne müsste man sich fast wünschen, dass die deutschen den pokal gewinnen … doch nein. es darf nicht sein. so wie es nichts schöneres gibt als wenn die deutschen verlieren, voller häme wird dies jeweils gefeiert, so gibt es auch nicht schrecklicheres als wenn sie gewinnen. also kann ich nur hoffen, dass die freunde, ja die freunde die momentan zu gast bei den feinden sind, die deutschen möglichst bald schlagen werden. dann kann man endlich damit anfangen diese verflixte WM zu geniessen.

[disclaimer: es ist mir bewusst, dass im gestrigen kleinen bund ein einigermassen ähnlicher beitrag erschienen ist, online konnte ich ihn aber noch nicht finden. dieser text war bereits in arbeit]

About Jan Zuppinger

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